Interview mit Sabine Heiber, der Koordinatorin der Ökumenischen Hospizgruppe Wallenhorst

Nachricht 04. Februar 2026

Ein Vorwort von Pastor Martin Steinke

Die Ökumenische Hospizgruppe Wallenhorst begleitet seit über 30 Jahren in der Region Wallenhorst Schwerstkranke, Sterbende und Trauernde. Die ehrenamtlichen Mitarbeitenden schenken Zeit, hören zu, sind da – zu Hause, im Pflegeheim oder wo immer Begleitung gebraucht wird. Diese persönliche Zuwendung bildet das Herz der Arbeit. Seit dem 1. Februar 2026 hat unsere Hospizgruppe eine neue Struktur erhalten: Wir haben eine gGmbH gegründet und eine hauptamtliche Koordinatorinnenstelle eingerichtet. Damit haben wir den Schritt in eine zukunftsfähige Struktur getan – um unsere Ehrenamtlichen gut zu unterstützen und auch in den kommenden Jahren verlässlich an der Seite Sterbender und ihrer Zugehörigen zu stehen.

In einem festlichen Gottesdienst am 1. Februar haben wir die ehrenamtlichen Koordinatorinnen Renate Röhner-Kroh und Rita Stolte mit Dank und Gottes Segen verabschiedet und entpflichtet. Gleichzeitig konnten wir Sabine Heiber als erste hauptamtliche Koordinatorin der Ökumenischen Hospizgruppe begrüßen. Majbritt Möller hat im Vorfeld ein Interview mit Sabine Heiber geführt, in dem sie Fragen zu ihrem bisherigen Werdegang und zu den Planungen und Zielen für die Zukunft gestellt hat. Wir wünschen Sabine Heiber in ihrer neuen Aufgabe Gottes Segen. 

Sabine Heiber - Ihr Weg zur Ökumenischen Hospizgruppe Wallenhorst

Anfang November habe ich mich mit Sabine Heiber, unserer neuen hauptamtlichen Koordinatorin der ökumenischen Hospizgruppe getroffen, um Einblicke in ihre Rolle, die Arbeit der Ehrenamtlichen und die aktuellen Entwicklungen in der Hospizgruppe zu bekommen.

Können Sie uns einen kleinen Einblick in Ihr privates Umfeld geben – was Ihnen im Alltag Halt gibt und womit Sie neue Kraft schöpfen?

Mein Name ist Sabine Heiber, ich bin seit 17 Jahren in zweiter Ehe verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Privat liebe ich es zu kochen und kreativ zu sein. Ich laufe sehr gerne, fahre Rennrad und kann mich in der Gartenarbeit verlieren – die Natur erdet mich und gibt mir Ruhe. Ich bin ein sehr positiv eingestellter Mensch und versuche auch so durchs Leben zu gehen. Kraft schöpfe ich außerdem in meiner Familie.

 

Welche Ausbildungen und Erfahrungen haben Ihren beruflichen Weg bestimmt?

Beruflich bin ich als Physiotherapeutin mit eigener Praxis in Barsinghausen (bei Hannover) gestartet, diese habe ich nach 15 Jahren verkauft und in die klinische Forschung gewechselt. Dort arbeitete ich zunächst freiberuflich, absolvierte eine Ausbildung als Trainerin für Erwachsenenbildung und übernahm später die Leitung der gesamten Qualitäts- und Trainingsabteilung in Festanstellung. Doch die Bedingungen in diesem Umfeld – in dem die Effizienz wichtiger war als der Mensch – waren langfristig nicht vereinbar mit meinen persönlichen Werten.

 

Gab es eine prägende Erfahrung, die Ihre Entscheidung beeinflusst hat, in die Hospizarbeit zu gehen?

Eine prägende Erfahrung war die lebensverkürzende Erkrankung des Lebensgefährten meiner Mutter. Die intensiven letzten 14 Tage mit Kurt haben mir gezeigt, wie wichtig einfühlsame Begleitung am Lebensende ist. Eine Palliativschwester, die uns in dieser besonderen Situation unterstützte, machte mich darauf aufmerksam, dass ich Fähigkeiten habe, die mir bisher nicht bewusst waren. Dieses Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, hat mich tief erfüllt.

 

Wie hat Sie diese Erfahrung auf Ihrem weiteren Weg beeinflusst?

2017 habe ich die Ausbildung zur Sterbe- und Trauerbegleiterin im Osnabrücker Hospiz durchlaufen und daraufhin meine Festanstellung in dem Pharmaunternehmen gekündigt.

Ich entschied mich, Soziale Arbeit zu studieren, mit dem Schwerpunkt Management und Organisation sozialer Einrichtungen, schrieb meine Bachelorarbeit über Trauerarbeit und absolvierte alle Praktika ganz bewusst im Osnabrücker Hospiz um sicherzustellen, ob dies der richtige Weg für mich ist – einer, der Freude, Glück und Sinn vereint.

Im Laufe meines Werdegangs  habe ich eine Systemische Coaching Ausbildung sowie eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin und zur freien Rednerin gemacht ohne diese Dinge unmittelbar anwenden zu können. Rückblickend betrachtet war es so, als ob ich im Laufe der Zeit einzelne Puzzleteile zusammengestellt habe, die sich nun zu einem Bild ergänzen.

Durch einen Kontakt im Osnabrücker Hospiz kam ich dann zum stationären Hospiz nach Ibbenbüren, welches sich gerade im Aufbau befand.

Seit 2021durfte ich dann das Hospizhaus von Grund auf mitgestalten und entwickeln.  ab 2022  übernahm ich als psychosoziale Leitung die Verantwortung für die psychosoziale Begleitung unserer Gäste (so werden die Menschen, die ins Hospiz kommen, genannt) sowie der Zu- und Angehörigen. Ich entwickelte Trauerkonzepte,  plante und organsierte den Einsatz des Ehrenamtes und deren Ausbildung, gestaltete Trauerfeiern und vieles mehr. Es war eine unglaublich bereichernde Arbeit.

Im Frühjahr 2023 gab es einen „großen Bruch“, als ein neuer Geschäftsführer kam und er auch personell vieles veränderte. Diese Veränderungen zum Jahresende 2023 haben mich und meine Kolleg*innen schwer getroffen und unsere Wege haben sich getrennt.

Danach musste es irgendwie weitergehen und ich habe meine (Lebens-) Erfahrung genutzt und mich auf meine eigenen Stärken konzentriert, indem ich mich selbstständig gemacht habe.

Wie sind Sie dann zur Ökumenischen Hospizgruppe gekommen?

Ich war nebenbei immer auch als Coach in selbstständiger Form tätig und habe Workshops und Ausbildungen für Trauerbegleiter*innen angeboten.

So ganz wollte ich die Hospizarbeit aber nicht loslassen und habe Anfang März 2025 in Bramsche erneut Kontakt gesucht, um wieder ehrenamtlich als Trauerbegleiterin tätig zu werden. Dort habe ich dann erfahren, dass in der Ökumenischen Hospizgruppe Wallenhorst Veränderungen anstehen.  Ein paar Tage später habe ich mich bereits mit Renate Röhner-Kroh getroffen und kurz danach im Leitungsteam vorgestellt. Daraus hat sich entwickelt, dass ich erst einmal in beratender Funktion tätig wurde und jetzt als geschäftsführende Koordinatorin arbeiten werde.

Diese Position erlaubt mir, meine organisatorischen Fähigkeiten, wirtschaftliches Denken und meine Leidenschaft für menschliche Begleitung zu verbinden – ein Kreis, der sich schließt. Manchmal denke ich: „Ist das alles nur ein Traum?“ – es fühlt sich einfach zauberhaft und toll an.

Welche Entwicklungen und Neuerungen stehen in der Hospizgruppe Wallenhorst an?

In der Hospizgruppe Wallenhorst möchte ich behutsame Neuerungen einführen, ohne Bewährtes zu verlieren. Einige Dinge müssen wir anpassen bzw. implementieren um zukünftig unsere Arbeit gefördert zu bekommen. Wir werden eine finanzielle Unterstützung seitens der Krankenkassen erhalten, die zumindest teilweise unsere Kosten decken wird. Gleichzeitig blicken wir auf 30 Jahre erfolgreiche ehrenamtliche Arbeit zurück. Das ist ein großer Schatz.
Die Jahreslosung 2025 „Prüft alles und behaltet das Gute“ passt wunderbar zu uns. Gemeinsam wollen wir in Zukunft daran arbeiten, Bewährtes zu erhalten, dieses weiterzuentwickeln und gleichzeitig offen für Neues zu sein. Anfang des Jahres 2026 planen wir einen Klausurtag mit dem Leitungsteam und anschließend einen gemeinsamen Tag mit allen Ehrenamtlichen, damit sich jede und jeder einbringen kann. Ohne die Ehrenamtlichen geht es nicht – wir leben von Gemeinschaft, und das gemeinsame Mitgestalten ist für uns ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber unseren Ehrenamtlichen. Ich wünsche mir eine Führung auf Augenhöhe, die Raum für Ideen und Eigeninitiative lässt.
Zukünftig wird es übrigens auch ein Büro im Gemeindehaus geben mit festen Sprechzeiten.

Wie sieht die aktuelle Struktur der Gruppe aus und können Sie uns schon einen kleinen Einblick geben, was für die Zukunft geplant ist?

Aktuell besteht unsere Gruppe aus 19 engagierten Ehrenamtlichen, die qualifiziert sind sterbende Menschen in deren letzter Lebensphase zu begleiten. Unser Ziel ist es, die Begleitungen weiter auszubauen und durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit mehr Menschen zu erreichen, die unsere Unterstützung in Anspruch nehmen oder die sich selbst engagieren möchten.

Es gibt in Wallenhorst drei Pflegeheime und u.a. drei Palliativärzt*innen, die zugleich als Hausärzt*innen tätig sind. Mit denen und den anderen niedergelassen Ärzt*innen möchten  wir eng zusammenarbeiten, ebenso wie mit dem Caritas Pflegedienst, dem SAPV Ostercappeln (Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung), den umliegenden Palliativstationen sowie dem stationären Hospiz in Osnabrück.

Ein schönes langfristiges Ziel wäre etwas wie die „Trostbänke“ in Bramsche – Bänke, auf denen zu bestimmten Zeiten jemand sitzt, mit dem man einfach ins Gespräch kommen kann. Solche Ideen zeigen, wie viel Nähe und Menschlichkeit in dieser Arbeit steckt. Alles geht nicht sofort, aber Schritt für Schritt wächst etwas ganz Besonderes hier in Wallenhorst weiter.

Für die nähere Zukunft planen wir außerdem sogenannte „Letzte-Hilfe-Kurse“ anzubieten. Diese Schulungen bestehen aus vier Einheiten à 45 Minuten und sollen u.a. Angehörigen helfen, Ängste abzubauen, Sicherheit zu gewinnen und praktische Unterstützung zu erhalten. Themen sind unter anderem: Wann beginnt der Sterbeprozess? Welche Symptome treten auf? Und was kann ich als Angehörige*r tun? Der Kurs wird kostenfrei, gegen eine Spende angeboten werden. Ich selber habe die entsprechende Ausbildung, um einen solchen Kurs zu leiten und eine zweite Kursleitung soll aus dem Kreis der Ehrenamtlichen qualifiziert werden. Dann können wir solche Kurse zukünftig in Wallenhorst anbieten.

Wie läuft eine Begleitung am Lebensende konkret ab?

Betroffene können sich bei uns melden und Ihr Anliegen schildern. Dabei ist es unerheblich, ob sich der Betroffene selbst oder ein Zu- bzw. Angehöriger meldet und eine Begleitung anfragt. Dann folgt stets ein erster Besuch durch mich als Koordinatorin. Dabei schaue ich gemeinsam mit allen Beteiligten, welche Hilfen bereits vorhanden sind und was zusätzlich gebraucht werden könnte. Danach wird mit den Angehörigen und dem Menschen, den wir begleiten, besprochen, welche Form der Begleitung am besten passt: Manchmal sind es tiefgehende Gespräche, manchmal einfach ein Stück Normalität – etwa gemeinsam die Sportschau schauen. Oft kommt kein Besuch mehr zu den Betroffenen, weil diese Angst und Hilflosigkeit da ist, über was man reden soll. Da ist oft ganz viel Sprachlosigkeit, welche am Ende des Lebens mitschwingt. Und da können wir dann einspringen und einfach da sein. Und so begleiten, wie es gewünscht ist.

Beim zweiten Besuch kommt dann die ehrenamtliche Begleitperson zu einem Kennenlernen dazu. Ein paar Tage später gibt es dann eine Rückkopplung. Ich frage sowohl bei der Familie, als auch bei der ehrenamtlichen Begleitperson nach, ob sie sich eine gemeinsame Begleitung gut vorstellen können. Falls es mal nicht passt, wird nach einer anderen Begleitperson geschaut.

Die Begleitungen finden meist zu Hause oder im Pflegeheim statt; Krankenhausbegleitungen sind dagegen nur eingeschränkt möglich.

Der Fokus unserer Arbeit liegt auf der Sterbebegleitung also auf der Begleitung am Lebensende. Eine anschließende Trauerbegleitung der Zu- und Angehörigen ist kein fester Bestandteil dieses Angebotes. Wir haben jedoch einige Trauerangebote, auf die wir dann verweisen können. Darüber bin ich sehr froh.

Wenn man an Hospizarbeit denkt, haben viele sofort das Bild der Begleitung am Bett vor Augen. Was steckt darüber hinaus alles in Ihrer Tätigkeit  und welche Ausbildungen und Fortbildungen gehören dazu?

Begleitung am Lebensende bedeutet weit mehr als die unmittelbare Begleitung am Sterbebett. Sie umfasst auch Öffentlichkeitsarbeit, Infostände, Koordination, Supervision, Gruppenabende und Wochenendveranstaltungen. Darum ist es wichtig, dass diese Arbeit nun hauptamtlich koordiniert wird.

Die Ausbildung für neue Ehrenamtliche ist umfassend: Sie dauert 110 Stunden inklusive Wochenendseminaren und behandelt Themen wie die eigene Trauererfahrung, Spiritualität und Glauben, Fachinformationen zum Sterbeprozess oder die Frage: „Was sind sichere Todesanzeichen?“, einen Besuch beim Bestatter, systemische Familienaufstellungen und ein ganz großer Themenbereich ist u.a. das Thema „Gesprächsführung“.

Über das Jahr hinweg gibt es Fortbildungen, regelmäßige Gruppentreffen und Supervisionen. Die Ehrenamtlichen sollen Themenwünsche einbringen, sich untereinander austauschen und gegenseitig stärken. Dieser Zusammenhalt ist unbezahlbar.

Ich selbst begleite in meiner Funktion als Koordinatorin nicht aktiv.

Ganz wichtig ist mir, dass die Hospizarbeit nicht zum Ersatz für Sozialkontakte oder private Freizeitgestaltung wird. Jede Begleitung ist intensiv und braucht Raum, aber auch Abstand. Darauf werde ich achten – das ist Teil meiner Fürsorgepflicht für unsere ehrenamtlichen Mitarbeitenden.

Wer nicht selber begleiten möchte, kann uns dennoch unterstützen – etwa durch Hilfe bei Infoständen oder Öffentlichkeitsarbeit, aber natürlich und ganz wichtig, auch durch Spenden!

Gibt es etwas, das Sie unseren Leser*innen zum Abschluss noch mit auf den Weg geben möchten?

Für die Betroffenen: Dasein bis zuletzt – auch im christlichen Auftrag. Wir begleiten Sie.

Für Interessierte: Traut euch! Wir sind bunt, wir geben Sinn! Tod & Sterben gehören zum Leben dazu. Wer Interesse an einer zukünftigen Mitarbeit hat, kann sich gerne an mich wenden!

Liebe Frau Heiber, ich danke Ihnen von Herzen für das offene und inspirierende Gespräch und dafür, dass Sie uns so eindrucksvoll gezeigt haben, mit wie viel Herzblut und Fürsorge in der Hospizgruppe gearbeitet wird. Ihnen und allen Begleiter*innen danke ich für ihre wertvolle Arbeit.

Majbritt Möller