Ev.- luth. Andreasgemeinde Wallenhorst
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Andacht zum Totensonntag

Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt. 

(Hiob 19,25 - Monatsspruch für November)


Ich sehe ihn vor mir, am Grab seiner Kinder. Was kann es Schlimmeres geben als den Tod der eigenen Kinder? Gramgebeugt steht er dort. Er fragt sich, wie das Leben weitergehen kann. „Warum, Gott? Was hat das alles für einen Sinn? Warum quälst du mich so?“  Wieder sehe ich ihn vor mir. Einige Zeit später. Gezeichnet von einer schweren Krankheit. Lange hat er versucht, mit ihr zu leben. Hat sich gesagt: „Das Leben besteht nicht nur aus schönen Tagen. Gott gibt mir die Kraft, die ich brauche.“ Unmenschlich erscheint mir das. Da passiert es. Wie bei einer Explosion entlädt sich alles, was sich aufgestaut hat, in einem lauten Aufschrei: „Verflucht ist der Tag meiner Geburt! Warum gönnt Gott mir keinen Frieden?“ So lese ich von Hiob im ersten Testament der Bibel. Und ich lese die Reaktionen seiner Freunde, die überhaupt nicht trösten. Die ihn eher belasten: „Schau doch mal genau hin, ob du nicht selber Schuld bist an deinem Unglück. Meinst du, dein Glaube ist groß genug? Oder will Gott dich vielleicht für irgendetwas strafen?“ Ein Alptraum! Das Leben kann zu einem Alptraum werden, manchmal innerhalb kürzester Zeit. Im Krankenhaus erlebe ich das hautnah. Da ist der Boden entzogen. Da gibt es keinen Halt mehr. Scheinbar nur Enttäuschung und Traurigkeit. Doch dann blitzt im Dunkel ein Licht auf - manchmal zunächst nur ganz zaghaft: „Ich spüre, dass da noch ein anderer seine Hand im Spiel hat.“ - „Wenn ich meinen Glauben nicht gehabt hätte, ich wäre verzweifelt!“ „ABER ich weiß, dass mein Erlöser lebt“, sagt Hiob im Gespräch mit seinen Freunden. „Egal, was ihr sagt. Egal, wie oft ich selber zweifle. Ich halte daran fest, dass Gott da ist. Er lebt, und er gibt mir die Kraft, nicht aufzugeben.“ Ein Ostergruß im November. Es wird kälter, feuchter, dunkler. Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Ewigkeitssonntag: Tod und Vergänglichkeit sind Teil unseres Lebens. Das können und wollen wir nicht ausblenden. ABER das Dunkle hat nicht die letzte Macht über uns. Wo Gott sein „ABER“ spricht, wird es hell. Da blüht wieder Leben auf. Mitten im November.

 

Gottes ABER begleite Sie durch diese dunkle Zeit, Ihr Pastor Martin Steinke

Über das Neue

 

Über viele Jahre hin war es so, wenn zum neuen Schuljahr die neuen Hefte gekauft wurden. Stolz nahm ich sie in die Hände, roch an ihnen und verband mit ihnen einen Vorsatz: Nie wieder Kleckse. Denn so lagen sie in meinen Händen: kein Eselsohr, keine blaue, auch keine rote, die zensierende und Fehler markierende Tinte, dafür die Seiten leer, nur die zarten Linien sichtbar, die der Schrift eine Richtung geben sollten, als warteten sie geduldig auf das, was kommt. Doch es dauerte nicht lange, Vorsätze hin oder her, dann sahen sie nicht mehr viel anders aus als die anderen, die alten Schulhefte.

 

So ist es auch mit den neuen Jahren. 2018, 2019, 2020. Eine neue Zahl, ein neuer Kalender. Das alte Jahr wird mit viel Getöse verabschiedet. Für einen kleinen Moment, wenn wir uns zuprosten, einander umarmen und uns „ein gutes Neues“ zurufen, glauben und hoffen wir es: Das Neue wird gut und besser.

 

So ist es auch, wenn das Leben ganz neu in die Welt kommt und ein Mensch geboren wird. Die kleinen Füße haben die Erde noch nicht berührt. Die kleinen Hände tasten und suchen noch. Angewiesen darauf, dass man sie hält. Für Mama, Papa und alle drum herum ist alles neu. Offen, was kommt. Und sie hoffen, es soll gut werden. 

 

Nirgendwo sonst in der Welt kann man mehr sehen und erleben, was im Leben wichtig ist, als am neuen Menschen. Denn der Neuling zeigt, dass jeder Mensch auf den anderen angewiesen ist von Anfang an. Vielleicht vergessen wir das zwischendurch. Werden schmerzlich erinnert, wenn es uns trifft als Angehörige oder als Alte, krank oder pflegebedürftig. Wir bleiben aufeinander angewiesen. Das ist zutiefst menschlich. Wir sind geburtlich, endlich, verletzlich und sterblich. Hier in dieser Geburtlichkeit liegt unsere Würde und unsere Schönheit.

Vielleicht deshalb lieben wir das Geheimnis von Weihnachten. In diesem Neuen zeigt sich Gott selbst in dieser Welt.

 

Zwei, drei der alten Hefte habe ich noch. Manchmal fallen sie mir in die Hände und ich sehe die Jahre dazwischen, die Kleckse und blauen und roten Tintenzüge, die sich in all der Zeit angehäuft haben. Ich denke daran, dass alle unsere Namen im Himmel geschrieben sind und es in der Bibel heißt:

 

„Die Barmherzigkeit Gottes hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu.“

 

Ihre Landessuperintendentin Birgit Klostermeier

 

 

 

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